26/08/2026
NACHRUF
Dolly Parton: Die Frau, die aus einem Leben eine Legende machte.
Dolly Parton konnte aus fast allem einen Song machen: aus Armut eine Erinnerung, aus Liebeskummer eine Ballade, aus einer zerbrochenen Beziehung einen Welthit. Und aus sich selbst eine Figur, die größer wurde als jedes Genre. Nun ist die amerikanische Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin und Unternehmerin tot. Dolly Parton starb am 25. August 2026 im Alter von 80 Jahren. Ihre Familie bestätigte ihren Tod.
Sie wurde am 19. Januar 1946 in Tennessee geboren, als eines von zwölf Kindern einer armen Familie. Die kleine Holzhütte, in der sie aufwuchs, wurde später Teil ihrer Legende – aber Parton machte aus dieser Herkunft nie eine Opfergeschichte. Sie machte daraus Material. Für „Coat of Many Colors“ verwandelte sie die Erinnerung an einen aus Stoffresten genähten Mantel in ein Lied über Würde, Familie und Stolz.
Schon als Kind stand sie auf Bühnen. Mit 18 ging sie nach Nashville, und dort begann eine Karriere, die sechs Jahrzehnte überspannen sollte. Zunächst schrieb Parton Songs für andere, bevor sie selbst zum Star wurde. In den 1970er-Jahren etablierte sie sich als eine der wichtigsten Stimmen der Countrymusik. Spätestens mit „Jolene“ war sie weltweit bekannt.
Doch Parton ließ sich nie auf Country reduzieren. „9 to 5“ wurde zum Pop-Hit und zum Soundtrack eines Films, in dem sie gemeinsam mit Jane Fonda und Lily Tomlin spielte. „I Will Always Love You“, ursprünglich von Parton geschrieben und aufgenommen, wurde in Whitney Houstons Version zu einem der größten Hits der Musikgeschichte. Partons eigenes Werk aber blieb der Ursprung: die Songwriterin, die Geschichten über Sehnsucht, Arbeit, Verlust, Familie und Selbstbehauptung schrieb.
Ihre Bedeutung lag dabei nicht allein in Plattenverkäufen und Auszeichnungen. Parton wurde zu einer ungewöhnlichen kulturellen Figur: glamourös und selbstironisch, geschäftstüchtig und großzügig, tief in der Tradition verwurzelt und zugleich erstaunlich modern. Sie machte ihre auffällige Erscheinung nie kleiner, um ernst genommen zu werden. Im Gegenteil: Das blonde Haar, die glitzernden Kleider und die überzeichnete Figur wurden zu ihrer Rüstung – und zu einem bewussten Teil ihrer Marke.
Hinter der Kunstfigur stand eine bemerkenswerte Geschäftsfrau. Mit Dollywood schuf Parton einen der bekanntesten Themenparks der USA. Noch nachhaltiger wirkte jedoch ihre philanthropische Arbeit. Ihre Imagination Library brachte Kindern Bücher und machte frühe Leseförderung zu einem Teil ihres öffentlichen Vermächtnisses. Während ihrer langen Karriere unterstützte Parton außerdem zahlreiche soziale und medizinische Projekte.
Dabei besaß sie eine seltene Fähigkeit: Sie konnte gleichzeitig weltberühmt und vertraut wirken. Parton sprach über ihre Herkunft, ihre Ehe, ihre Arbeit und ihre eigenen Widersprüche mit einer Mischung aus Humor und Direktheit. Sie wusste, dass eine Legende nicht dadurch entsteht, dass ein Mensch unnahbar wird. Sondern manchmal gerade dadurch, dass er sich selbst nicht zu wichtig nimmt.
In den vergangenen Jahren war ihre Gesundheit zunehmend Thema geworden. 2025 starb ihr Ehemann Carl Dean, mit dem Parton fast sechs Jahrzehnte verheiratet gewesen war. Auch danach versuchte sie, weiterzuarbeiten. Noch wenige Tage vor ihrem Tod hatte sie über ihre gesundheitlichen Schwierigkeiten gesprochen und von weiteren Plänen erzählt.
Dass ihr Tod nun eine solche Lücke hinterlässt, liegt auch daran, dass Parton weit mehr war als eine erfolgreiche Sängerin. Sie war eine der wenigen Künstlerinnen, deren Wirkung mehrere Generationen und Milieus überspannte. Ihre Lieder wurden von anderen Künstlern neu entdeckt, ihre Filme blieben populär, ihre Geschäftsideen wurden zu Institutionen und ihre Wohltätigkeit zu einem wesentlichen Teil ihres Vermächtnisses.
Mehr als hundert Millionen verkaufte Alben, zahlreiche Nummer-eins-Hits und eine außergewöhnliche Sammlung von Auszeichnungen erzählen nur einen Teil dieser Geschichte. Parton wurde sowohl in die Country Music Hall of Fame als auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Vielleicht war ihre größte Leistung aber eine andere: Dolly Parton musste sich nie zwischen Erfolg und Menschlichkeit entscheiden. Sie konnte eine der kommerziell erfolgreichsten Künstlerinnen ihrer Zeit sein und zugleich an der Vorstellung festhalten, dass Ruhm einen Wert erst dann bekommt, wenn man ihn mit anderen teilt.
Ihre Lieder bleiben. „Jolene“ bleibt. „9 to 5“ bleibt. „I Will Always Love You“ bleibt. Und bleiben wird auch das Bild dieser Frau aus Tennessee, die mit einer Gitarre begann und zu einer amerikanischen Institution wurde.
Dolly Parton ist tot. Die Figur Dolly Parton aber dürfte noch lange weiterleben – in ihren Liedern, in den Geschichten der Menschen, denen sie geholfen hat, und in einer Kultur, die ohne sie ein wenig weniger glitzert.