10/12/2020
„Ist denn morgen schon Weihnachten?!“ mit hochgezogenen Augenbrauen schaut mich meine Mutter an, ihr verwirrter Gesichtsausdruck lässt nichts Gutes ahnen und ihr fällt fast der Einkaufsbeutel aus der Hand. „Nein Mami, Weihnachten ist erst in einem Monat" erwidere ich ganz selbstverständlich und lächle sie an. „Aaach na dann ist ja gut.“ sagt sie erleichtert und die Falten auf ihrer Stirn glätten sich wieder. Es ist ein Abend im November und wir stehen an der Kasse des Bio-Marktes. Ich spüre den Blick der Verkäuferin, der so viel sagt wie: „Hat sie das gerade ernsthaft gefragt?!“ Ja das hat sie tatsächlich ernst gemeint und sie wird es mich vielleicht heute auch noch ein zweites Mal fragen. Mit sanfter Stimme erkläre ich meiner Mutter, dass viele Leute bereits jetzt Weihnachts-Artikel kaufen um sich auf Weihnachten vorzubereiten. „Hmm-hmm“ nuschelt sie in ihre Maske und es ist fast so als wäre es ihr doch ein wenig unangenehm so schlecht informiert zu sein.
Hätte man mir vor einem Jahr erzählt, dass meine Mutter sich innerhalb von wenigen Monaten geistig zum Stand eines Kindes zurückentwickeln wird - ich hätte es nie im Leben geglaubt und sie höchstwahrscheinlich auch nicht. Ich erinnere mich noch gut daran als sie mir vor einigen Jahren das Buch „Still Alice“ geschenkt hat ohne zu wissen, dass diese Geschichte einer Frau, die an Alzheimer erkrankte, bald zu ihrer eigenen bitteren Realität wird. Eine Frau mit akademischem Abschluss, die ihr ganzes Leben lang viel Wert auf die beste Ernährung, Sport und ein gesundes Umfeld gelegt hat und nun vom eigenen Körper verlassen wird. Eine Hoffnung auf Heilung gibt es nicht. Seit ein paar Wochen bekommt sie eine Dopamin-Therapie und ist seitdem deutlich wacher und besser drauf - kein Wunder wenn der Körper ständig mit Glückshormonen versorgt wird. Nebenwirkungen des Dopamin-Rausches sind unter anderem Halluzinationen, Albträume und Schizophrenie.
Das „Schöne“ ist, meine Mutter weiß von all dem eher wenig, denn sie lebt immer und immer mehr nur noch im Moment. Was gestern war und was morgen sein wird ist für sie nicht mehr von Bedeutung, denn sie hat es (Gott sei Dank!) ganz schnell wieder vergessen. Dafür erfreut sie sich an den schönen Blumen, einem guten Tee oder an einer ihrer heiß geliebten Natur-Dokus. Ich versuche es ihr gleich zu tun und freue mich mit ihr, taking one day at a time…