14/04/2026
© Michael Bork
HUNGARY, WHERE TO? | Budapest, Haltestelle an der Donau - 2020
Fotodirektdruck auf AluDibond
50 x 100 cm
Die Bildkomposition, fotografiert an einer Haltestelle an der Donau in Budapest, ist schon mehrere Jahre alt. Die Fragestellung jedoch ist hochaktuell ...
Ungarn steht an einem möglichen Wendepunkt. Nach 16 Jahren weitgehend zentralisierter Machtstrukturen KÖNNTE die aktuelle Wahl ein Ende dieser politischen Phase einleiten. Allein die Aussicht auf Veränderung erzeugt eine gesellschaftliche Spannung, die weit über Parteipolitik hinausreicht. Viele ungarische Kulturschaffende sprechen in Interviews von einem Moment, der sich anfühlt wie ein Atemholen nach langer Enge. Oder wie das vorsichtige Öffnen eines Fensters, dessen Rahmen man kaum noch zu bewegen glaubte.
Doch die Frage „Ungarn, wohin gehst Du?“ ist nicht nur geografisch oder politisch. Sie ist kulturell. Sie betrifft die Vorstellung davon, wie frei Kunst sein darf, wie kritisch sie sein kann, wie sehr sie Teil einer offenen Gesellschaft bleibt. In den vergangenen Jahren wurde in Ungarn immer wieder über Eingriffe in Kulturinstitutionen, Medien und Universitäten berichtet. Viele Künstler*innen sahen sich gezwungen, ihre Arbeit zwischen Anpassung, Widerstand und Rückzug neu zu verorten.
Und wir? Was hat das mit uns zu tun?
Mehr, als uns manchmal lieb ist.
Auch in Deutschland gibt es zunehmend Irritationen im Umgang mit Kultur und Kunstschaffenden. Debatten über Förderstrukturen, politische Erwartungen, moralische Zuschreibungen und die Frage, welche Kunst „vertretbar“ ist, werden intensiver. Künstler*innen erleben, dass Räume enger werden. Nicht unbedingt durch staatliche Kontrolle, sondern durch gesellschaftliche Polarisierung, ökonomischen Druck und die Tendenz, Kunst auf ihre unmittelbare Nützlichkeit zu reduzieren.
Die Parallele liegt nicht in der Gleichsetzung der politischen Systeme, sondern in der Sensibilität für die Bedingungen künstlerischer Freiheit. Ungarn zeigt in zugespitzter Form, wie fragil kulturelle Räume werden können, wenn politische Macht, gesellschaftliche Angst und ökonomische Abhängigkeit ineinandergreifen. Deutschland zeigt, wie subtil diese Prozesse auch in offenen Gesellschaften wirken können.
Künstlerische Verantwortung oder künstlerische Möglichkeit?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage:
Nicht was wir MÜSSEN, sondern WAS WIR KÖNNEN.
Künstler*innen sind keine politischen Kommentator*innen, aber sie sind Seismografen. Sie spüren Verschiebungen früher als andere. Sie zeigen, was unsichtbar bleibt. Sie halten Räume offen, wenn andere sich schließen. Und sie erinnern daran, dass Gesellschaft nicht nur aus Regeln, sondern aus Imagination besteht.
Wenn in Ungarn ein politischer Zyklus endet oder sich verändert, dann betrifft das auch uns – nicht weil wir dort leben, sondern weil es uns daran erinnert, wie wertvoll und verletzlich kulturelle Freiheit ist. Und wie notwendig es ist, sie nicht erst zu verteidigen, wenn sie bereits bedroht ist.
www.michaelbork.eu