31/01/2015
Heutiges Thema: Wie ich Menschen motiviere, die nicht fotografiert werden möchten?
Heute mal wieder ein etwas schwieriges Thema, zu dem es bestimmt viele Meinungen und Ideen gibt. Die Frage nach der Motivation von Menschen vor der Kamera taucht immer wieder auf und ich möchte mal meine kleinen Tipps dazu abgeben. Besonders Hobbyfotografen sind oft in der Situation, dass sie nicht ständig mit tollen Models zusammenarbeiten, die eine Pose nach der anderen raushauen und geborene Rampensäue sind. Man sucht sich dann seine Models im Freundes- und Bekanntenkreis, überredet sie förmlich und manchmal mangelt es an Motivation seitens des Protagonisten.
Von meinem heutigen Standpunkt aus betrachtet halte ich es ganz einfach. “Wer nicht fotografiert werden möchte, den fotografiere ich auch nicht.” Warum sollte ich jemandem mein Foto aufzwingen wollen? Normalerweise kommt jemand zu mir, weil er oder sie ein Foto haben möchte.
Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Auch ich hatte eine Zeit, wo die Protagonisten nicht auf mich zugekommen sind und ich nachhelfen musste. Ausserdem kann es ja auch sein, dass man einen sehr interessanten Menschen trifft, den man gerne fotografieren möchte und erst von dem Vorhaben überzeugen muss. Oft ist es sogar viel spannender ein echtes Chraktergesicht abzulichten, statt mit superhübschen Topmodels zu arbeiten. Auch ergibt sich oft die Situation, dass jemand fotografiert werden muss, sei es ein Bewerbungsfoto oder weil der Chef es für die Webseite angeordnet hat. Die Gründe, warum Menschen vor der Kamera stehen, obwohl sie es gar nicht wollen sind vielfältig.
Die eigene Einstellung
Ich habe selbst eine sehr positive Einstellung zum “fotografiert werden”. Das klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Oft trifft man Fotografen, die selbst nicht gerne vor der Kamera stehen. Ich reisse mich nicht darum fotografiert zu werden, mache es aber trotzdem gerne. Es ist für mich einfacher, den Spaß am “fotografiert werden” zu vermitteln, wenn ich selbst auch Spaß daran habe. Stimmt die innere Einstellung, so überträgt man diese auch auf sein Model. Man sagt zwar “ein guter Trainer, muss kein guter Spieler sein”, aber bestimmt haben die guten Trainer selbst auch Lust ab und an den Ball zu kicken. Mir ist durchaus bewusst, dass Bilder von mir lediglich einen kleinen Kreis interessieren und einem noch kleineren gefallen, aber diese Menschen freuen sich dann komischerweise doch über ein Bild von mir. Ich finde es schade, wenn man keine Bilder von sich selbst hat, sind sie doch ein Dokument meiner eigenen Lebensgeschichte. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, umso mehr fing ich an Fotos von mir selbst zu mögen.
Mein Ziel ist “eine gute Zeit”
Es ist vollkommen normal, dass Menschen verunsichert, schüchtern, verkrampft sind, wenn sie dem Fotografen gegenüber stehen. Es ist halt eine ungewohnte Situation. Ich habe es mir daher zur Aufgabe gemacht den Leuten “eine gute Zeit” zu bescheren. Mein Ziel ist nicht das perfekte Foto, sondern ein Kunde, der mit dem Gefühl nach Hause geht “das hat Spaß gemacht”, “war gar nicht so schlimm”, “war ein cooler Nachmittag”. Denke ich zu sehr an das Foto, so denke ich an technische Aspekte, wie Lichtsetzung, Hintergründe und Kameragedöns. Das sind aber Aspekte, die zunächst mal nur den Fotografen interessieren. Also weg damit und darüber nachgedacht, wie man es dem Model von Nebenan angenehm machen kann. Da gibt es kein Rezept, denn alle Menschen sind unterschiedlich. Ich versuche sehr offen zu sein, gehe schnell zum “Du” über über und interessiere mich für meine Models. Ich will die Menschen kennenlernen, auch wenn das in der kürze der Zeit oft nur oberflächlich möglich ist, so ist das Interesse am Gegenüber ein guter Start für ein Gespräch und das wiederum lenkt vom Grund des Treffens ab. Versucht doch mal darüber nachzudenken, wie man dem vermeintlichen Model einen schönen Nachmittag verschafft. Oft kommen die guten Bilder dann fast von alleine.
Das Problem beim Namen nennen
Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht das Problem direkt und offen anzusprechen. “Du magst nicht gerne fotografiert werden? Warum ist das so?” Meistens ist der Grund, dass die Menschen sich selbst auf den Bildern nicht mögen oder mit sich selbst unzufrieden sind. Das hat etwas mit der Selbstwahrnehmung zu tun, wir sehen uns selbst anders als unsere Mitmenschen es tun. Wir sehen uns im auch immer nur im Spiegel, also spiegelverkehrt. Das Foto zeigt uns richtig herum, für unsere Selbstwahrnehmung aber falsch. Gewöhnt haben wir uns über die Jahre jedoch an unser Spiegelbild. Das kann man den Leuten erklären, hilft aber auch nicht so richtig weiter, denn wenn man weiss warum man sich nicht mag, heisst das noch lange nicht, dass es etwas ändert. Es hilft aber zu sagen, dass man sich der Problematik bewusst ist. “Ich selbst habe auch meine Problemzonen, ehrlich gesagt bin ich eine einzige Problemzone und es gibt auch nicht so wirklich viele Bilder auf denen ich mich mag, aber es gibt sie und genau das versuchen wir heute auch mal mit Dir. Ich kenne da auch ein paar kleine Tricks, wie man jemanden auf Fotos etwas vorteilhafter aussehen lassen kann”.
Motivation und Lob
Es klingt so einfach und wird Dir in jedem Portraitanfängerkurs vermittelt. Lobe Deinen Protagonisten! Sei positiv! “Das sieht super aus”, “toller Blick”, “wow, Deine Augen sind der Wahnsinn” usw. Sowas hören wir doch alle gerne. Es muss nur halt ehrlich sein und darum sollte man den Menschen vor der Kamera auch genau beobachten. Ich muss mir selbst immer wieder die Frage stellen: “Was mag ich an dem Menschen?”. Das versuche ich dann auch zu betonen und wenn ein guter Schuß dabei ist, dann zeige ich diesen auch sofort. Ein tolles Foto, das man mal eben zeigt, kann Wunder wirken. Ich weiss, dass es dazu seltsamerweise viel Diskussionen gibt und einige Fotografen es ablehnen Bilder beim Shooting zu zeigen. Ich mache es gerne und habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Natürlich kommt es auch mal vor, dass dem Model das gezeigte Bild nicht so gut gefällt. Das wiederum nehme ich zum Anlass darüber zu reden, was nicht gefällt. Ich erkläre aber auch, was mir an dem Bild gefällt, denn die Protagonisten sind oft betriebsblind und gucken nur auf ihre vermeintlichen Problemzonen, sie wollen manchmal gar nicht die schönen Dinge an sich selbst sehen.
Nicht quälen
Ein Fotoshooting muss nicht zwei Stunden dauern. Es ist problemlos möglich in wenigen Minuten ein tolles Foto zu machen. Wenn ich jemanden vor der Kamera habe, der unsicher ist und leicht die Lust verliert, dann ziehe ich die Session nicht unnötig in die Länge. Ich muss auch nicht zwingend einen Output von 20 Fotos haben, oft reichen drei bis vier. Wenn ich daran denke, dann fällt es mir auch einfacher mich auf jedes einzelne Foto zu konzentrieren und mein Model für jedes einzelne Foto zu motivieren. “Komm, wir ziehen das durch und hauen jetzt mal 15 Minuten so richtig rein”.
Models sind keine Opfer
Oft höre ich, dass jemand “Opfer” sucht. Klar ist das im Scherz gemeint. Aber es zeigt ein wenig die eigene Haltung. Man ist von den eigenen Fotografierkünsten noch nicht so richtig überzeugt, was durchaus normal ist bei einem Anfänger. Diese Haltung gegenüber Menschen, die man fotografiert, kann ich nicht empfehlen. Man sollte seine Kunst nicht komplett unter den Scheffel stellen und es ist nichts anstößig daran, dass man nicht perfekt ist. Man muss aber eine gewisse Wertschätzung der eigenen Arbeit gegenüber mitbringen, damit man diese auch vom Gegenüber erfährt. Warum sollte ich mich auch von jemandem fotografieren lassen, der eh nur ein Opfer sucht und der selbst glaubt, dass keine guten Bilder dabei heraus kommen? Das heisst natürlich auch nicht, dass man auf Rockstar machen sollte, eine gewisse nordische Zurückhaltung und Bescheidenheit ist durchaus gesund und sympathisch.
Lockerungsübungen
Manchmal mache ich auch einfache Lockerungsübungen. Dabei blödel ich mit dem Model rum. Wir versuchen gemeinsam unterschiedliche Emotionen mit dem Gesicht auszudrücken und Fratzen werden geschnitten. Das klingt erst einmal albern, macht aber Spaß. Ist jetzt nicht unbedingt die beste Vorgehensweise für den Vorstandsvorsitzenden einer Bank, aber bei privaten Sessions oft zum Start hilfreich. Ich mache dabei selbst mit, was auch bedeutet sich zum Affen zu machen. Aber das ist egal, wenn ich dem Model damit zeige, dass ich mir selbst auch für nichts zu schade bin. Dabei können auch schon Fotos gemacht werden, muss aber nicht sein. Im Endeffekt zielt das nur darauf ab, dass sich das Model in meiner Umgebung wohl fühlt und Lust auf das Shooting bekommt.
Mache etwas unerwartetes
Wer zum Fotografen kommt, der erwartet, dass man sich vor die weisse Wand stellen muss. Das ist nicht der Moment auf den alle warten. Macht doch mal etwas vollkommen unerwartetes. Fotografiert die Schuhe Eures Models oder macht ein Foto von hinten, von mir aus auch ein gemeinsames Selfie. Irgendwas, damit das Shooting nicht den erwarteten Verlauf nimmt. Das könnte bei Eurem Model den Gedanken reifen lassen, dass hier irgendwas anders läuft als erwartet und das könnte durchaus Spaß machen. Sowas motiviert.
Gemeinsam ans Ziel
Es muss nicht zwingend so sein, dass der Fotograf sagt wo es lang geht. Ich binde meine Protagonisten ins Shooting mit ein. Das fängt damit an zu fragen, was sie denn eigentlich möchten, sich vorstellen oder gar nicht mögen. “Was für Bilder magst Du?”. Dann blättern wir gemeinsam in einem Bildband. Visuell ist es oft einfacher. Dabei fallen einige Bilder positiv auf. “Sollen wir sowas mal probieren?”. Beim Shooting kann man auch mal fragen, wie er oder sie sich fühlt. “Was gefällt Dir nicht?”. Ich finde es macht gemeinsam viel mehr Spaß, als wenn ich mich in einer Kunde-Lieferanten-Beziehung fühle und mir den Druck auferlege ein tolles Foto von jemandem liefern zu müssen, der gar keine Lust auf Fotos hat.
Irgendwas ist immer
Alle guten Tipps sind keine Rezepte, die immer wirken. Ihr werdet immer auf Menschen treffen, die sich anders verhalten als erwartet. Das ist normal. Wenn Ihr aber grundsätzlich eine positive Einstellung an den Tag legt und nicht nach den möglichen Problemen sucht, dann fällt es Euch auch einfacher positiv und mit Spaß an das Shooting heran zu gehen. Ihr könnt nicht jeden Tag ein Bild machen, das noch besser ist als das von gestern, aber Ihr könnt das an diesem Tag bestmögliche Bild von Eurem Model schiessen.