24/03/2019
4 Jahre war ich neben meinem Hauptberuf (Ergotherapeutin) selbständige Fotografin. Immer wieder gelange ich in einen Zwiespalt zwischen beiden Professionen. Täglich dieser harte Kontrast zwischen Narben, Deformitäten, alter, runzliger Haut, Dehnungsstreifen, Übergewicht, Krankheit und der gespielten Perfektion der Fotografie. Immer wieder baten mich Kunden ihre Bilder zu retuschieren, danach nochmal, es sähe noch nicht bearbeitet genug aus. Dies soll weg, jenes soll kleiner, dieses soll größer und grundsätlich soll eh alles anders sein. Es war ermüdend. Frustrierend. Es machte einfach keinen Spaß mehr. Nach mehreren Bearbeitungen, weil die Kunden immer noch nicht zufrieden mit der Person auf dem Foto waren, konnte man diese Person auch gar nicht mehr wirklich erkennen.
Im Zeitalter moderner Medien ist es einfach "perfekt" zu sein. Ob dies nun die Inszenierung eines perfekten Lifestyle sei, oder die komplette Deformierung der eigenen Person durch Snapchat und andere Filter. Aber all das ist nicht real. Jeder jagd dem Bild der vermeintlichen Perfektion hinterher, nicht begreifend, dass es darum doch gar nicht geht. Ihr seht doch mit den Hundeohren alle gleich aus, und noch kein bisschen wie ihr selbst! Niemand sieht euch so!
Ich merkte, dass ich den Ansprüchen der Kunden nicht mehr genügen konnte. Ich merkte, dass ich diese Form der Fotografie nicht mehr erbrigen wollte. Ich wollte keine perfekten Monster zeigen, sondern reale Personen. Mit Ecken und Kanten. Mit gorßen Nasen, langem Kinn, mit der Narbe, die sie seit dem Unfall haben, mit den abstehenden Ohren, die man sieht, wenn der Wind das Haar zur Seite weht, mit dem kleinen Bauchansatz und dem schlanken Busen. Mit den abgekauten Fingernäglen, einfach mit allem, was was zu der Person gehört. Zumindest einmal. Einmal nicht das Verstecken, was die Person einzigartig macht. Einmal nicht gesellschaftskonform perfektioniert. Einmal nicht irreal.
Ich habe lange gebraucht das Konzept im Kopf auszuarbeiten und entsprechend zu planen. Ich wollte ja schließlich auch nicht einfach nur vermeintliche Makel raushauen, sondern ein Gesamtbild zeigen, die Normalität solcher Imperfektionen betonen, ohne den Betrachter zu schocken.
Ich konnte viele Menschen für die Idee begeistern und bekam unglaublich viele Zuschriften für die Teilnahme am Projekt. Insgesamt 10 Modelle haben meinen Fragebogen ausgefüllt und mir zurück geschickt und die Shootings konnten geplant werden. Leider kam es zu einer Absage, sodass ich, um das Konzept zu wahren, selbst eingesprungen bin.
In 2 Tagen lernte ich 9 komplett unterschiedliche und einzigartige Menschen kennen. Ich hatte extra mehr Zeit eingeplant, um mich noch mit jedem ausgiebig zu unterhalten und mir wurde währenddessen immer mehr bewusst, wie wichtig dieses Projekt eigentlich war. Nicht nur gesellschaftlich, sondern für jeden einzelnen Teilnehmer.
Insgesamt 500 Arbeitsstunden stecken in (im) perfect. 19 Bilder sind ausgestellt worden. Sie zeigen mal große, mal kleine, mal offensichtliche, mal versteckte und einfach ehrliche Makel. Sie zeigen die Geschichte jedes einzelnen Teilnehmers. Sie zeigen die Realität. Es wurde kein Photoshop benutzt, nichts verflüssigt, nichts weggestempelt, nichts geschönt. Lediglich der Farblook wurde angepasst.
Nachdem das Projekt im Kasten war, die Bilder sortiert, angepasst, zusammengestellt und gedruckt waren, stand für mich fest: ich gebe meine Selbständigkeit auf. Ich werde keine Kunden mehr verformen und verändern, ich werde keine irrealen Bestrebungen nach Perfektion understützen. Zu lange hat es an mir gezehrt, mich erdrückt und schlussendlich auch beleidigt. Ein Mensch ist so viel mehr, als nur ein Foto.
Ich danke nochmal allen Teilnehmern von (im) perfect für ihren Mut, ihr Vertrauen und ihre Leidenschaft für das Projekt! Es war eine wundervolle Erfahrung und euch so zahlreich bei der Vernissage zu sehen, war einfach zauberhaft!