24/02/2026
Château de la Roche Goyon (Fort La Latte), Plévenon, Frankreich
Das Fort La Latte, auch Château de la Roche Goyon, oder Fort de la Dent de Gargantua genannt, bretonisch Roc’h Goueon, ist eine imposante Burg / Festung aus dem 14. Jahrhundert auf dem Gebiet der Gemeinde Plévenon im Département Côtes-d’Armor in der Bretagne in Frankreich. Sie thront auf einer schmalen Landzunge an der Smaragdküste, am Eingang der Baye de la Fresnaye, etwa 4 km südöstlich von Cap Fréhel und 35 km von Saint-Malo entfernt.
Der Name "Goyon", oder auch "Gouyon", stammt aus einer der ältesten bretonischen Adelsfamilien. Der Legende nach, wurde eine erste Burg an gleichem Ort von einem Herrn Goyon, unter dem Herzog der Bretonen Alain Barbe Torte, dem Schrägbärtigen, im Jahre 937 gebaut.
Die heutige Anlage wurde als befestigtes Eigenheim in exponierter Lage auf zwei hintereinanderliegenden Riffen während des bretonischen Erbfolgekrieges (1341-1364), oder auch Krieg der beiden Johannas, von dem einflussreichen Étienne III. Goyon (1290-1362) erbaut, um als strategischer Vorposten von St. Malo dem Herzog der Bretagne zu Diensten zu sein.
Das Château de la Roche Goyon war wohl noch nicht einmal komplett fertiggestellt, als im Jahre 1379 die Burg während des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) von dem bretonischen Heerführer und Connétable von Frankreich Bertrand du Guesclin (1320-1380) erobert und für Karl V. (1338-1380), König von Frankreich, beschlagnahmt wurde. Gleich die erste Feuertaufe war fehlgeschlagen.
Nachdem die erste Phase des französisch-englischen Dauerkonflikts vorübergehend mit einem Waffenstillstand befriedet wurde, bekam die Familie Goyon, durch den zweiten Vertrag von Guérande im Jahre 1381, die Burg, nach gerade einmal zwei Jahren, schon wieder zurück. Je nach Vermögen der Familie wurde die Wehranlage in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erweitert und ausgebaut.
Im Laufe des 15. Jahrhunderts bekam die Familie Goyon immer mehr Macht. Die Goyon’s saßen sogar in den Versammlungen "Etats de Bretagne", den Versammlungen von Vertretern des Klerus, des Adels und der Städte. Nachdem die Familie durch eine vorteilhafte Heiratsverbindung ihren unbequemen Wohnsitz auf den Felsen zugunsten einer komfortablen Baronie in der Normandie aufgegeben hatte, blieb lediglich ein Verwalter samt kleiner Wachmannschaft auf La Roche Goyon zurück.
Zur Zeit des Anschlusses der Bretagne an Frankreich wurde die Burg im Jahre 1490 erneut belagert - diesmal von den Engländer, die aber erfolglos blieben, obwohl nur wenige Soldaten auf der Burganlage waren.
Viel gab es für die in der Burg stationierte Garde nicht zu tun. Einige Ausbesserungsarbeiten hier, Appelle und kleinere Gefechtsübungen da, ansonsten nahm das Leben einen eintönigen Gang, bis 1597 der achte und letzte Hugenottenkrieg auch vor dem abgelegenen Zipfel der Bretagne nicht Halt machte. Die Adelsfamilie Goyon-Matignon sowie die Bewohner des Umlands hatten sich in der religiösen Auseinandersetzung loyal hinter den protestantischen König Heinrich IV. (1553-1610) geschart. Damit standen sie allerdings auf verlorenem Posten gegen Herzog Philippe-Emmanuel de Lorraine, duc de Mercœur (1558-1602), dem Gouverneur der Bretagne.
Der Heerführer aufseiten der Katholischen Liga hatte sich bereits einige Jahre zuvor selbst zum Protektor des katholischen Glaubens proklamiert. Und als solcher war er besonders ambitioniert, alle Hugenotten aus der Bretagne zu unterwerfen, zu vertreiben oder in letzter Konsequenz zu vernichten. Mit 2000 Soldaten und schlagkräftigen Kanonen rückte er gegen das befestigte Schloss an, hinter dessen Mauern sich zwischenzeitlich die etwa ein Dutzend königstreuen Familien der Umgebung geflüchtet hatten. Der Kampf der 30 Mann starken Schlossbesatzung war von Anfang an aussichtslos. Nach kurzen Kampfhandlungen wurde La Roche Goyon zunächst besetzt, geplündert und anschließend niedergebrannt. Lediglich der übermächtige Bergfried hielt der Zerstörungswut der Liga-Truppen stand.
Erst 1690 erinnerte man sich an der Spitze des französischen Königreichs wieder an die ehemalige Vorzeige-Festung. Der durchaus kriegslustige Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638-1715) beauftragte den Chef-Ingenieur der Festung von Saint-Malo Siméon Garengeau (1647-1741), ein Schüler des berühmten Militärarchitekten und Festungsbaumeisters Sébastien Le Prestre, Seigneur de Vauban (1633-1707), die zerstörte Schlossanlage in die geplante Küstenbefestigung zu integrieren.
Er übernahm die Ruine und baute sie mit Einwilligung der Matignons zwischen 1690 und 1715 wieder auf. Große Teile der Struktur der heutigen Anlage wurden damals errichtet, Wehrtürme und Zugbrücken wurden instandgesetzt und die Wehrmauern deutlich verstärkt, um feindlichem Kanonenbeschuss standzuhalten. Außerdem ging der Wiederaufbau mit einer deutlichen militärischen Aufrüstung einher, die Festung wurde mit Geschützbatterien zur Meeresseite ausgestattet, um nach Saint-Malo fahrende Schiffe vor Übergriffen durch englische oder holländische Angreifer zu schützen. Innerhalb eines viertel Jahrhunderts hatte sich die einstige Burganlage La Roche Goyon zum militärischen Bollwerk Fort La Latte gemausert.
Dass beim Ausbau zum militärischen Stützpunkt kein Gedanke an möglichen Wohnkomfort verschwendet wurde, bekam im Jahr 1715 der Überraschungsgast James Francis Edward Stuart III. (1688-1766) deutlich zu spüren. Der zweifelhafte englische Thronanwärter legte bei seiner Flucht von der britischen Insel notgedrungen einen Zwischenstopp in den Festungsmauern ein. Doch anstatt sich für die Gastfreundschaft dankbar zu zeigen, bezeichnete er die Festungsanlage wenig schmeichelhaft als den armseligsten Ort, an dem je ein Mensch gelebt hat.
Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der eindrucksvolle Wehrbau von der Familie Goyon dem Kriegsministerium übergeben.
1793, während der Französischen Revolution (1789-1799) wurde die Burg noch einmal weiter ausgebaut, unter anderem wurde ein großer Kanonenkugel-Ofen gebaut, der dazu diente, die schwergewichtige Munition vor dem Schuss auf Rotglut zu erhitzen, um sie dann anschließend auf feindliche Schiffe abzufeuern. Damit hieß die ausgegebene Devise nicht mehr „Schiffe versenken“, sondern „Schiffe in Brand setzen“, was schlussendlich auf dasselbe Ergebnis hinauslief. Allerdings verschlang die neue Methode Unmengen an Holz, um den Ofen auf der notwendigen Betriebstemperatur von 900 °C zu halten. Da dieser Vorgang zwei bis fünf Stunden in Anspruch nahm, hatten die vor der Küste von Fresnaye lauernden Schiffe ausreichend Zeit, ihre Mission zu erfüllen und sich anschließend aus dem Staub zu machen. Dementsprechend wurde der Gebrauch des Ofens recht bald wieder aufgegeben.
Während der Herrschaft der Hundert Tage, dem Zeitraum von der erneuten Machtübernahme in Frankreich durch Napoleon Bonaparte (1769-1821), Kaiser der Franzosen, nach dessen Rückkehr von seiner Verbannungsinsel Elba, im Jahr 1815 versuchten Bürger aus Saint-Malo die Burg zu erstürmen, aber ohne Erfolg. Dies war die letzte kriegerische Auseinandersetzung an der Festung.
Fort La Latte hielt sich mit einer 60-Mann-Dauerbesatzung noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als fester Bestandteil des französischen Küstenschutzes. Danach zogen innenpolitische Machtverschiebungen auch außenpolitische Kurswechsel nach sich. Dauergegner Großbritannien avancierte plötzlich zum Verbündeten, sodass die Sicherung des Ärmelkanals nur noch im Minimalbetrieb durchgeführt wurde. Das Fort wurde auf Befehl des Kriegsministeriums verlassen und nur ein „Hausmeister“ blieb im Jahre 1886 zurück.
Nur vier Jahre später, im Jahre 1890, kam die Deklassierung, das endgültige Aus für ihre militärische Laufbahn. Der französische Staat schrieb La Latte als historisches Liebhaberobjekt zum Verkauf aus. Charles de Goyon, Duc de Feltre (1844-1930) erwarb die Festung 1892.
Das Fort wurde im Jahr 1925 offiziell zum historischen Denkmal (Monument historique) erklärt. 1931 erwarb der französische Historiker Frédéric Joüon des Longrais (1892-1975) die verfallene Burg und restaurierte sie umfassend. Ende der 1930er Jahre war es dann so weit, dass die Pforten für die Öffentlichkeit geöffnet werden konnten. Das Fort befindet sich bis heute im Besitz seiner Familie, die sich weiterhin um den Erhalt kümmert.
Der Zweite Weltkrieg war dann ein Rückschlag für das Ehepaar Joüon. Ab dem Sommer 1940 war das Gebiet der Bretagne, einschließlich der Küstenfestungen wie Fort La Latte, von der Wehrmacht besetzt. Die Festung diente den deutschen Truppen zur Überwachung der Küste im Rahmen des Atlantikwalls. Im Gegensatz zu vielen anderen Befestigungsanlagen wurde das als historisches Denkmal anerkannte Fort nicht zerstört, jedoch war die missbräuchliche Nutzung der Besatzer ein Problem, denn die hatten jegliches Inventar zu Brennholz verarbeitet.
Bei Restaurierungsarbeiten in den 1970er Jahren kam eine ungewöhnliche Entdeckung ans Tageslicht der beiden Tortürme. Im Boden hatten die Burgherren des 14. Jahrhunderts jeweils ein trichterförmiges Strafloch ausgehoben. In diese sogenannten Oubliettes, mittelalterliche Verliese, steckte man bevorzugt betrunkene Garnisonssoldaten, Befehlsverweigerer oder Verräter. Der Ein-Mann-Ersatzkerker war so schmal, dass der Gefangene darin nur stehen konnte.
Das eindrucksvolle Fort zählt mit mittlerweile über 100.000 Besuchern jährlich zu den populärsten Ausflugszielen an der Côte Vermeille. Kein Wunder, denn neben dem spektakulären Panorama bietet das Fort La Latte alles, was man von einer gestandenen Festungsanlage erwarten darf: 700 Jahre alte Mauern, die Residenz der Adelsfamilie Goyon-Matignon, zwei funktionstüchtige Zugbrücken, eine Zisterne, ein Gebetsraum, ein düsteres Verlies, Wachtürme mit Schießscharten und Gusserkerkränzen, Basteien mit Kanonen, dem seltenen Kanonenkugelofen sowie einen übermächtigen Bergfried mit 360 Grad Rundumsicht.
Der Bergfried ist das einzige Gebäude der Festung, das nie beschädigt wurde. Vielleicht hielten die vier tetramorphen Reliefs der Evangelisten, eines in jeder Himmelsrichtung an der Außenwand platziert, zusammen mit der Meerjungfrau über dem Eingang eine schützende Hand über den runden Turm.
Eine Innenbesichtigung der Residenz der Adelsfamilie Goyon-Matignon ist deshalb nicht möglich, da sie von der Eigentümerfamilie bewohnt wird.
Die Burg diente in den letzten Jahrzehnten für mehr als zwei Dutzend Filme als historische Kulisse, zum Beispiel 1958 für das Historienspektakel "Die Wikinger" mit Kirk Douglas, Tony Curtis, Ernest Borgnine und Janet Leigh oder die Sat.1-Produktion "Tristan und Isolde – Eine Liebe für die Ewigkeit" aus dem Jahr 1998, mit Ralf Bauer, Léa Bosco und Joachim Fuchsberger.
Der Doigt de Gargantua, auch Gargantuas Finger, Gargantuas Zahn oder Menhir de La Latte genannt, ist ein Menhir, eine 2,60 Meter hohe, schlanke Granitsäule, im Schlosspark von Fort La Latte. Eine Legende besagt, dass an dieser Stelle der bretonische Überriese Gargantua im Kampf gegen die rachsüchtigen keltischen Kobolde, die Korrigans, zunächst seinen Finger und später auch sein Leben verlor.